Blumenthaler Impressionen

Was mich an der Musik meiner Frau so fasziniert?
Es ist nicht einfach, dies mit allgemeinen Worten auszudrücken, aber mir fallen dazu viele Auftritte ein, zum Beispiel einer im Herbst 2011:

Das „Trio Tango Varieté“ war zu einem Tangonachmittag im malerischen Schloss Blumenthal bei Aichach eingeladen. Im ersten Stock gibt es einen schönen Raum mit altem Parkett, der bezeichnenderweise „Tangosaal“ heißt, nachdem Karin dort einmal mit den „Wittelsbacher SalonSinnPhonikern“ ein Konzert gab – natürlich mit Beispielen aus dieser Musikrichtung.

An diesem Nachmittag spielte ich als DJ zunächst Tangos „von der Scheibe“, auf der Tanzfläche ging es munter bis turbulent zu. Als nach einer Dreiviertelstunde das Trio mit der Livemusik begann, trat ein seltsamer Stimmungswechsel ein: Zu Beginn traute sich niemand zu tanzen, man lauschte gespannt, ja andächtig der Klangwelt, die sich da auftat: von Klassikern wie Gardels „Mi Buenos Aires“ bis zu Astor Piazzolla reichte das Spektrum. Auch als sich das Parkett dann wieder füllte, blieb diese unheimlich „dichte“ Atmosphäre erhalten.

Ich hatte ja schon bei den Proben einen Vorgeschmack erhalten, was das Zusammenspiel dieser drei Damen so besonders macht: Eine unglaublichen Sensibilität, die sicher auch auf einem sehr ähnlichen mentalen „Strickmuster“ beruht – niemand „führt“, man hört aufeinander, alles passiert quasi von selber in gegenseitiger Abstimmung, wie bei einem guten Tanz.WEB trio-tango variete schriftzug

Als das Trio dann noch einen Ausflug zum französischen Chanson unternahm und Titel wie „Mon Dieu“ und „La vie en rose“ zelebrierte, schien die Luft im Saal stillzustehen. Sicherlich wäre es eine schlechte Idee, Edith Piaf kopieren zu wollen, aber Karins Interpretation hörte man es an, warum die große Pariser Sängerin diese Titel auswählte, und was sie dabei bewegte: Poesie, Emotion, und das mit zarter Zurückgenommenheit.

Mir bleibt ein Moment gegen Ende des Programms unvergesslich: Als das Trio das wunderschöne „Ave Maria“ von Piazzolla anstimmte, fiel die schon tief stehende Herbstsonne durch die hohen Fenster und zeichnete lange Schatten der Tänzerbeine, die über das staubige Parkett huschten, Musik und Bewegung waren eins. Ich blickte in gerührte Gesichter und feuchte Augen – und nach dem Schlussapplaus führte der Weg der meisten Gäste vor dem Heimgehen noch zu den drei Musikerinnen, um sich für diesen ganz besonderen Nachmittag zu bedanken.

Und ich habe das Privileg, schon bald wieder einmal mit dem „Trio Tango Varieté“ zu einem Auftritt zu fahren und auf ihre Musik tanzen zu dürfen. Wie schön!

Gerhard Riedl     (August 2012)